Sehr geehrter Herr Naumann,
vielen Dank für Ihre freundliche mail. Natürlich können Sie den Text veröffentlichen. Es würde mich sogar sehr freuen, dafür macht man solche Texte schließlich. Ich hänge ihn in den Anhang.
Mit freundlichem Gruß - Wilfried SchmicklerWer will ich sein?
Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen, zu sehen,
was die Gottheit eigentlich will, das ich tun soll; es gilt, eine Wahrheit zu finden,
die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will.
…Was nützte es mir, daß die Wahrheit kalt und nackt vor mir stünde, gleichgültig
dagegen, ob ich sie anerkennte oder nicht ...? Worauf es ankommt, ist nicht die
Masse von Erkenntnissen, sondern das innere Handeln des Menschen.
...Es kommt mir vor, als hätte ich nicht aus dem Becher der Weisheit getrunken,
sondern sei in ihn hineingefallen. ...Ich will nun versuchen, den Blick ruhig auf mich
selbst zu heften, und will beginnen, innerlich zu handeln; denn nur dadurch werde ich
fähig sein, gleich wie das Kind sich bei seiner ersten bewusst vorgenommenen
Handlung "ich" nennt, mich in tieferer Bedeutung "ich" zu nennen.
... So sei denn das Los geworfen - ich gehe über den Rubikon!
Søren Kierkegaard
Der Ausdruck „den
Rubikon überschreiten“ steht dafür, sich unwiderruflich auf eine riskante
Handlung einzulassen
Quer
durch alle Themen einer aktiven Lebensgestaltung zieht sich ein Phänomen: und
zwar die Suche nach dem Schuldigen. Es scheint ein zutiefst menschliches
Bedürfnis zu sein, einen Schuldigen zu finden – einen Schuldigen für den
eigenen Jobverlust, für die gescheiterte Ehe, für die misslungene
Weiterbildung, für die kaputte Gesundheit, die aufgegebenen Träume und...
und... und...
Ich
habe für mich ganz persönlich herausgefunden, dass mir die Suche nach einem
Schuldigen nichts bringt – im Gegenteil, ich habe für mich erkannt, dass sie
mir eher schadet als nützt.
Erstens
führt mich die Suche nach einem Schuldigen weg von mir selbst. Ich suche
natürlich im außen nach der "Schuld", denn ich will ja eine Erklärung
für meine Misere. Wenn ich meinen Mann, meine Eltern, meine Lehrer, meinen Chef
oder den Staat die Schuld zu schieben kann, bin ich, wie ich denke, aus dem
Schneider.
Aber
genau das ist ein Trugschluss und bringt und unmittelbar zum zweiten Punkt: Wenn
ich die Schuld bei anderen suche, gebe ich alle Hebel für eine Veränderung ab.
Wenn andere Schuld haben, kann ich nur hoffen, betteln und jammern, sie mögen
doch etwas ändern. Ich selbst aber bleibe passiv.
Als ich
für mich erkannte, dass meine Suche nach Schuldigen im Grunde nichts anderes
war, als der Ausdruck meiner Weigerung, Verantwortung für mich zu übernehmen,
war das unangenehm und befreiend zugleich. Unangenehm, weil mir bewusst wurde,
dass es an mir selbst und niemand anderen sonst ist, etwas zu ändern und das
bedeutete Arbeit und Anstrengung für mich. Befreiend aber deshalb, da ich mit
diesem Gedanken ein ganzes Stück erwachsen und unabhängiger wurde. Wenn es
letztlich gar nicht mehr so wichtig wäre, wer nun genau Schuld an meiner Misere
hätte, könnte ich all die Energie, die ich auf die Suche nach dem Schuldigen
genutzt hatte und vor allem all die Kraft, die in meine Anklagen geflossen war,
anders nutzen. Und zwar für mich. Dafür, meine Situation zu ändern.
Ich
möchte nicht falsch verstanden werden – natürlich gibt es Situationen, in denen
Schuldige benannt und ggf. auch bestraft werden müssen. Ich spreche hier aber
nicht von echten Straftatbeständen, sondern von all den vielen kleinen und
großen Alltagsärgernissen, Sorgen und Leidquellen, in denen wir so etwas denken
wie:
Mit
solchen Gedanken lenken wir uns immer wieder selbst davon ab, dass wir es sind, die
Verantwortung für uns, unser Leben und unsere Zufriedenheit übernehmen müssen.
Dass es einfach nichts bringt, die Schuld auf andere zu schieben, weil es
nichts ändern wird.
Quelle: www.zeitzuleben.de