Der Weg in die Abhängigkeit
In erster Linie ist Sucht eine
seelische Krankheit. Der (später) Abhängige leidet an sich und seinen
Lebensumständen, zum Beispiel gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen,
schlechtem oder fehlendem Arbeitsplatz, Eintönigkeit des Alltags. Er sehnt sich
nach Zufriedenheit, Wohlergehen und Erlebnissen, ist jedoch unfähig, die
persönlichen Probleme direkt anzugehen. Was ihm bleibt ist der Griff zu
Ersatzmitteln, die Befriedigung versprechen. Das schafft zunächst Erleichterung
– aber nur für kurze Zeit. Verhängnisvoll für den Betreffenden ist sein
Versuch, durch immer mehr des ungeeigneten Mittels eine bessere Wirkung zu
erreichen. In der Folgezeit verfliegt der positive Effekt immer rascher, und
die Fähigkeit, auf die persönlichen Schwierigkeiten angemessen zu reagieren,
nimmt weiter ab. Der zugrunde liegende seelische Mangel weitet sich aus. Hinzu
kommt das schale Gefühl, sich falsch zu verhalten. Gesellschaftliche Bedingungen,
die zur Entstehung von Süchten beitragen, sind zum Beispiel die Verfügbarkeit
von Drogen, ihr Ansehen in der Gesellschaft, ihre Legalisierung oder Illegalisierung, wirtschaftliche Interessen und
Werbeeinflüsse.
Seelische Abhängigkeit
Schließlich entsteht Abhängigkeit.
Das Suchtmittel ist Dreh- und Angelpunkt aller Handlungen, Gedanken und Gefühle
geworden. Versuchte der Abhängige anfangs, mit Hilfe des Suchtmittels seine
Probleme zu lösen, so braucht er es jetzt, um sein Leben überhaupt ertragen zu
können. Seelische Abhängigkeit ist nach außen kaum zu bemerken. Aber gerade sie
ist schwer zugänglich und auflösbar. Sie ist der Grund dafür, dass Abhängige
immer wieder in ihr altes Verhalten zurückfallen, selbst wenn sie Tage, Wochen
mitunter sogar Monate ohne Suchtmittel leben.
Körperliche Abhängigkeit
Neben der seelischen Abhängigkeit
gibt es bei Alkohol, bestimmten Medikamenten und Heroin auch eine körperliche:
Der Organismus hat das Suchtmittel in seinen Stoffwechsel eingebaut und sich
auf dessen regelmäßige Zufuhr eingestellt. Wird es ihm entzogen, kommt es zu
schmerzhaften Entzugserscheinungen wie Schüttelfrost, Gliederschmerzen,
Kreislaufbeschwerden, eventuell zu Sinnestäuschungen. Bei erneuter Einnahme der
Droge klingen sie wieder ab. Manchmal dauert es Jahre, bis sich körperliche
Abhängigkeit einstellt – dann aber zeigt sie mit erschreckender Deutlichkeit,
wie Sucht den Menschen zerstört.
Aufhören ist möglich!
Während bei körperlichen Krankheiten
die meisten Menschen bereit sind, sich von Fachleuten helfen zu lassen, ist
dies bei seelischen Leiden nicht der Fall. Weiterhin gilt es immer noch als
Schande, das eigene Leben aufgrund seelischer Probleme nicht alleine meistern
zu können. Daher verbergen die Betroffenen ihr Leben solange als irgend
möglich. Beim Abhängigen kommt hinzu, dass er genau weiß: Hilfe bedeutet die
Entwöhnung von seinem Suchtmittel, den Entzug dessen, wovon er sich trotz
tausendfacher Enttäuschung immer wieder Befriedigung verspricht. Er hat
übermächtige Angst ins Leere zu fallen, wenn es ihm genommen wird. Bedenkt man,
wie lange bereits das süchtige Verhalten die Reaktion auf die verschiedenen
Stimmungen, Erlebnisse und Bedürfnisse ist und durch wie viele neue
Verhaltensweisen und Einstellungen es im Laufe der Genesung ersetzt werden
muss, wird diese Angst begreiflich.
Abhängige sind oft erst unter größtem,
durch äußere Umstände erzeugten Druck (z. B. Arbeitsplatzverlust, Schulabgang,
finanzielle Notlage, Trennung von der Familie usw.) fähig, diese Hindernisse zu
überwinden und ihre Situation einzugestehen. Erst wenn sie unter den Folgen
ihrer Abhängigkeit mehr leiden als sie ihnen andererseits noch Lustgewinn oder
Trost verschafft, finden sie den Willen zur Veränderung.